Zeitzeug*innen – Gespräche

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2006:  Der Auschwitz-Überlebende Alex Deutsch und seine Ehefrau Doris auf der Gedenkstätte

Viele Jahre waren Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die als Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsene in Konzentrationslagern dem NS-Terror ausgesetzt waren, in Schulen im Saarland zu Gast. Die meisten aus diesem Kreis sind mittlerweile verstorben, so dass sich die Erinnerungsarbeit mit Zeitzeug*innen neu ausrichten muss. Dennoch bleibt ihre Bereitschaft, anderen von ihren Leiden zu erzählen, um vor Rassismus und Fremdenhass zu warnen, aber auch, um für ein Miteinander zu werben. Dafür danken wir ihnen, indem wir an sie erinnern.

Der jüdische Auschwitz-Überlebende Alex Deutsch (1913-2011) berichtete bis zu seinem Tod im Jahr 2011 jungen Menschen im Rahmen der Veranstaltungsreihe »Wider das Vergessen« von seinen Erfahrungen in der Zeit des Nationalsozialismus. Er verstand seinen Beitrag immer auch als ein Plädoyer gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in unserer Zeit. Die Kinder und Jugendlichen sollten wissen, so Alex Deutsch, was geschehen war und wie er überleben konnte. Vielleicht hatten den Jugendlichen ihre Großväter vom Zweiten Weltkrieg erzählt und oft genug von Auschwitz und wofür dieses Wort einstand, geschwiegen. Bei seinen Begegnungen mit Heranwachsenden schilderte Alex Deutsch, wozu jede Menschlichkeit auslöschender Hass führen konnte und auch heute noch kann. Die Frage nach Schuld und Verantwortung stand bei seinen Begegnungen mit jungen Menschen nicht im Vordergrund. Denn Alex Deutsch wollte keine Schuld zuweisen, sondern zur Aussöhnung beitragen. 2001 erschien im Conte-Verlag unter Mitarbeit von Dr. Thomas Döring erschienene Lebensbericht von Alex Deutsch »Ich habe Auschwitz überlebt.«

Auf der Internet-Seite der 2010 gegründeten Alex Deutsch Stiftung finden sich – unter anderem – ausführliche Informationen zu Alex Deutsch. Die Stiftung trägt die Botschaft weiter, der sich Alex Deutsch in seinen unzähligen Vorträgen und Gesprächen mit Schüler*innen verpflichtet sah: “Lasst euch nicht hineintreiben in Hass und Gewalt gegen andere Menschen. Lebt miteinander, nicht gegeneinander!”

 

Was die erinnerungspädagogische Aufarbeitung der Geschichte des Gestapo-Lagers Neue Bremm betrifft, stellen das publizistische Werk und die umfangreichen und vielfältigen Vermittlungsaktivtäten von Horst Bernard eine Pionierleistung dar. Bernard, der 1932 in Saarbrücken-Bischmisheim geboren wurde, musste selbst mit seiner Familie im Jahr 1935 vor den Nationalsozialisten nach Frankreich fliehen. Er widmete sich früh der historischen Auseinandersetzung mit den Geschehnissen im Gestapo-Lager Neue Bremm. In der saarländischen Erinnerungslandschaft herrscht Einigkeit darüber, dass es ohne die Vorarbeiten von Horst Bernard keine nachhaltigen Anschlussinitiativen zur Aufarbeitung der Geschichte des Lagers gegeben hätte. Für seine Verdienste rund um das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus wurde Bernard am 5. Dezember 2019 von Herrn Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

 

Beinahe 60 Jahre hatte Menachem Kallus (1932-2018) über seine Kindheitserlebnisse in den deutschen Konzentrationslagerns Ravensbrück und Sachsenhausen geschwiegen. Erst 2001 schrieb er sie in Israel auf. Sein Bruder Rudi Ben-Yakov übertrug die Geschichte aus dem Hebräischen ins Deutsche und dessen Lebensgefährtin, die Schauspielerin Alice Hoffmann gab ihr eine Form. Das Besondere an dieser Geschichte ist, dass Menachem Kallus seine Geschichte aus der aus Sicht des 10- bis 13-jährigen Jungen erzählt: das Alter, in dem man ihn in das KZ Ravensbrück einwies. Obwohl Menachem Kallus Deutschland nie mehr besuchen wollte, nahm er dennoch die Einladung an, dort seine Geschichte zu erzählen. Das geschah jedoch mit klaren Vorgaben: Er sprach kein Deutsch, und las nur vor Kindern und Jugendlichen, die der Altersgruppe angehören, in der ihm Ausgrenzung, Verfolgung und Leid widerfahren war. Auf Einladung der Landeszentrale für politische Bildung fanden Lesungen mit Menachem Kallus und Alice Hoffmann in der Zeit vom 30. Januar bis 03. Februar 2006 im Saarland statt. Seine Erinnerungen sind unter dem Titel »Als Junge im KZ Ravensbrück.« im Metropol-Verlag Berlin erschienen (ISBN 3-936411-95-6). Nach dem Tod von Menachem Kallus im Jahr 2018 ist Alice Hoffmann weiterhin mit Lesungen aus dem Lebensbericht ihres verstorbenen Schwagers an Schulen zu Gast.

 

Auch der ehemalige Inhaftierte des Gestapo-Lagers Neue Bremm, Roger Vanovermeir (1923-2001) wendet sich den nachfolgenden Generationen zu.

Der französische Widerstandskämpfer war im Oktober 1943 “nur” elf Tage im Lager Neue Bremm. Doch diese Zeit hat ihn für immer geprägt: “Wenn man von der Neuen Bremm kam, konnte man hinkommen, wohin man wollte: es fiel einem immer ein Stein vom Herzen. Es war nirgends so schlimm wie auf der Neuen Bremm.” 1999 sprach er vor Schülerinnen und Schülern des Deutsch-Französischen Gymnasiums über seine Zeit als Häftling der Neuen Bremm und stellte sich anschließend ihren Fragen.

 

Clémence Jacques (1923-2009) sprach bei der Eröffnung der neugestalteten Gedenkstätte am 8. Mai 2004.

 

Im Jahr 2001 war der ehemalige Internierte und Zeitzeuge des Lagers Neue Bremm, Bernard Cognet (1922-2002) zu Gast in der Saarbrücker Stadtgalerie. Dort erzählte er seine bewegte Lebensgeschichte während des Dritten Reiches und ging besonders auf die Zeit im Lager Neue Bremm ein. Bernard Cognet schloss sich bereits 1940 der Widerstandsbewegung an, schleuste zunächst Soldaten aus der nördlich besetzten Zone Frankreichs in den sogenannten »freien« Teil im Süden. Einer Aufforderung zur Zwangsarbeit für das Deutsche Reich entzog sich Bernard Cognet durch Flucht und gehörte der Widerstandsgruppe »Turma-Vengeance« an. Er nahm an einer Ausbildung für den bewaffneten Widerstand teil, organisierte alles von Lebensmittelkarten bis hin zu Waffen. Am 24. Januar 1944 wurde er von der Gestapo verhaftet, gefoltert und nach einer kurzfristigen Gefangenschaft in Fresnes, Orléans und Compiègne am 12. März 1944 in das Lager Neue Bremm transportiert, wo er bis zum 10. April 1944 gefangen gehalten wurde. Seine Erfahrungen in den Konzentrationslagern schrieb Bernard Cognet 1977 in seiner Autobiographie »Erinnerungen an Aufsässigkeiten und Hoffnungen« nieder und erhielt dafür ein Jahr später den »Preis für Literatur des Widerstands«. 20 Jahren war er in Frankreich als Zeitzeuge in Oberstufenklassen zu Gast. Der französischen Bildungsminister ernannte ihn für seine Aufklärungsarbeit zum Ritter und später zum Offizier der Palmes Académiques.

 

Vasyl Volodko (geb. 1924), ehemaliger ukrainischer Zwangsarbeiter im Saarland und Häftling des Lagers Neue Bremm kam zur offiziellen Einweihung der neugestalteten Gedenkstätte als Zeitzeuge aus Kiew angereist und hielt eine beeindruckende Rede.

 

Auch Emma Niederlender, die im November 1944 für 20 Tage in der Neuen Bremm wegen Widerstandskampf inhaftiert war, und Marie Justine Fogel, die im Juni 1944 in Sippenhaft genommen wurde, haben als ehemalige Häftlinge des Gestapo-Lagers Neue Bremm die Gedenkstätte besucht, von ihrem Schicksal erzählt und darüber mit Jugendlichen gesprochen.

 

Einige der ehemaligen Häftlinge haben ihre Erfahrungen in Buchform festgehalten:

 

Bob Sheppard veröffentlichte seine Erinnerungen unter dem Titel: »Missions secrètes et Déportations 1939-1945. Les roses de Picardie.« (1998)

François Goldschmitt hat seine Erinnerungen in »Elsässer und Lothringer in Dachau« niedergelegt

Mercedes Bernal, Guy Halftermeyer und der Jesuitenpater Jakob.

Bernard Cognet, Roger Vanovermeir und Marie-Justine Fogel berichten in dem 2001 in Saarbrücken erschienenen, jedoch vergriffenen Band »Bis zu den Schultern in der Jauche« von ihrem Aufenthalt im Lager Neue Bremm.

In dem 2005 erschienenen, von Horst Bernard herausgegebenen Folgeband »Trotz der Leiden… Wir sind immer noch da!« haben Andrée Gros, Jeanne Albert, Georges Babel, Mathilde Meyer, Marthe Beyel, Yvette Lundy, Émile Karpp, Léonie Kiefer, Raymond Reslinger, Vasyl Volodko, Georges Jouffron und Clémence Jacques ihre Erinnerungen an das Lager Neue Bremm dokumentiert.

Nähere Angaben zur erwähnten Literatur entnehmen Sie bitte unter dem entsprechenden Menüpunkt. Die Initiative Neue Bremm bedankt sich bei all diesen Menschen, die an den Ort ihrer Leiden zurückgekehrt sind, um einen Beitrag dazu zu leisten, dass die Erinnerung an den NS-Terror ein Teil unserer Geschichte bleibt. Sollten Sie selbst Zeitzeug*in sein oder Personen kennen, die in dem Lager Neue Bremm inhaftiert waren, nehmen Sie bitte Kontakt mit uns auf:

 

Frau Dr. Sabine Graf,  Tel.: 06897 / 7908 – 193, Mail: sgraf@lpm.uni-sb.de

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